Alfa Romeo
Bertone
Berlinetta
Aerodinamica
Tecnica



                   Abenteuerliche Dinge erzählt man sich von Franco Scaglione. Er habe niemals Wasser ohne Whisky getrunken und seine Schaffenskraft hin und wieder mit Kokain ermuntert. Zeitgenossen des 1917 in Florenz geborenen Künstlers beschreiben ihn als scheu und zurückhaltend. Sein ehemaliger Arbeitgeber Nuccio Bertone erinnert sich an einen "freundlichen und sehr bescheidenen Menschen mit besten Manieren."

Von 1951 bis 1958 entwirft der gelernte Luftfahrt-Ingenieur Franco Scaglione für die Carrozzeria Bertone Autos. Das sind keine gewöhnlichen Autos, sondern Aufsehen erregende Skulpturen. Immer, wenn "Frasca" am Zeichenbrett Platz nimmt, legt er sein ruhiges, introvertiertes Wesen ab. Dann geht sein verborgenes Temperament mit ihm durch. Höhepunkte seines Schaffens sind drei exzessive Design-Studien auf dem Fahrgestell des Alfa Romeo 1900 Super Sprint: BAT 5, BAT 7 und BAT 9. "BAT" - das ist italienisch und steht für die Berlinetta Aerodinamica Tecnica von Bertone. Bertone ist die älteste unter den zahlreichen italienischen Karosseriefirmen. Angefangen hat alles 1912, als Bauernsohn Giovanni Bertone in Turin eine Waagnerei eröffnet und aus Holz Fahrzeuge baut, die von bestenfalls zwei Pferdestärken gezogen werden. Das automobile Zeitalter beginnt bei Bertone mit der Herstellung von Karosserieteilen für andere Firmen. 1921 kleidet die junge Carrozzeria erstmals selbst ein Auto: das Fahrgestell eines SPA 9000 Sport wird mit einem zweisitzigen, offenen Aufbau versehen.

"BAT" steht im Englischen für Fledermaus. Genau an dieses Tier erinnert die Studie B.A.T. 5 von 1952 aus dieser Perspektive betrachtet. Dank seiner ausgefallenen Aerodynamik stößt das Unikat mit 200 Stundenkilometer durch die bodennahen Luftschichten B.A.T. 9 vom Turiner Automobilsalon des Jahres 1954 zeigt im
Vergleich zu seinen beiden Vorgängern beinahe schon wieder jugendfreie Formen. Die Heckflossen sind geradezu schüchtern dimensioniert und die Scheinwerfer werden nicht mehr ausgeklappt



Nach Kriegsende übernimmt Sohn Giuseppe "Nuccio" Bertone, ein aktiver Sportfahrer, das Geschäft. Anfang der 50er Jahre ist die Carrozzeria Bertone so gut wie pleite. In letzter Minute kommt die Rettung in Person des Geschäftsmannes und Autohändlers S.H. "Wacky" Arnolt aus Chicago. Der beauftragt Giovanni und Nuccio Bertone mit dem Bau von 200 MG-Sportwagen mit spezieller Karosserie. Auf den Arnolt-MG folgt der Arnolt-Bristol, wieder mit Bertone-Karosserie nach einem Entwurf von Triebtäter Franco Scaglione.

Die BAT-Geschichte nimmt mit einem Besuch von Alfa Romeo Direktoren bei Bertone ihren Lauf. Man einigt sich auf die kostenlose Anlieferung einer 1900 Super Sprint Bodengruppe ohne Karosserie. Zum Turiner Automobilsalon im November 1953 ist der Bertone-Alfa fertig. Die Welt ist sprachlos. Exzessive Formen wie diese hat sie bisher noch nicht einmal in utopischen Filmen gesehen. Strömungstechnisch hat Franco Scaglione die Berlinetta Aerodinamica Tecnica bis ins kleinste Detail durchdacht. Statt 180 km/h wie der normale Alfa Romeo 1900 SS mit Touring-Karosserie rennt die gleich motorisierte BAT 5 Tempo 300. Dabei ist sie auch noch verkehrstauglich: Scheibenwischer, Blinker, ausklappende Scheinwerfer - alles da.

Die Stilstudie B.A.T. 7 auf Alfa Romeo 1900 SS-Fahrgestell vom Turiner Salon des Jahres 1953.
Wer diese Form beschreiben will, der muss schon beide Hände aus den Hosentaschen nehmen.
Was wie ein formaler Exzess aussieht, ist strömungstechnisch brillant durchdacht

Die BAT 5 ist Ende 1953 eine Sensation. Wie soll man da die BAT 7 des Folgejahres beschreiben? Ihre Heckflossen sind noch viel dramatischer, da kann kein Cadillac dieser Welt mithalten. BAT 9 vom Turiner Salon 1955 dagegen zeigt viel subtilere, ja jugendfreie Formen. Fast schon ein normales Auto, nicht?

Was beschreibt die Lage der Weltwirtschaft in den 50er Jahren besser als der Umstand, dass alle drei BAT-Studien schon bald nach ihrer Vorstellung in die Hände autoverrückter Amerikaner gelangen? Jedes der drei BAT-Mobile ist verkehrstauglich. Die Nummer 7 taucht Ende der 50er Jahre sogar bei Autorennen in Südkalifornien auf. Da überrascht es, dass alle drei bis zum heutigen Tag überlebt haben und nur restauriert, nie aber nachgebaut wurden. Beim Concours d'Elegance im kalifornischen Pebble Beach kommt es im Sommer 1989 sogar zum ersten Rende7vouz aller drei BAT mit Nuccio Bertone. Die Nummern 5 und 7 befinden sich seither im Besitz eines japanischen Sammlers der bestrebt ist, auch Nummer 9 zu bekommen. Die hatte zuletzt noch ihr Zweitbesitzer, ein amerikanischer Zahnarzt, der sie einst als 16jähriger erwarb.

Die Achse Bertone-Alfa Romeo hat in den BAT-Mobilen ihren Ursprung und kommt 1954 mit der Serienproduktion der Giulietta Sprint erst richtig zum Tragen. Von da an ist die Firma im Turiner Vorort Grugliasco für die Karosserien der Sportcoupés des Hauses Alfa Romeo zuständig: Giulietta Sprint, Giulia Sprint, Sprint Speciale, Giulia Sprint GT, Montreal... Die eine oder andere Design-Studie bleibt da nicht aus, wie Ihr in anderen Berichten auf dieser Homepage noch sehen werdet....