Eine ehrenwerte Gesellschaft

Sie fahren Alfa Romeo und träumen von Ferrari.

Sie lieben die Toskana und leben in der Rhön.

La Passione - ein Club aus Leidenschaft

Bericht der Zeitschrift Auto Bild vom 17.September 1999

 

Das Pack

Ein Bericht von Jörg Wigand:

Tief im Hessenland, am alten Handelsweg zwischen Frankfurt und Leipzig, da, wo die Eichenwälder dunkel raunen, ist die Mafia heimisch geworden: Autos werden verschoben, in Garagen versteckt, heimlich mit abgezweigtem Geld repariert, billig vertickt, an- und wieder abgemeldet, bei Pasta und Vino rosso neuen Besitzern zugeführt.

Organisierte Kriminalität
in der Rhön?

 

Wir brechen ein ins Geflecht der Verstrickungen, zerschlagen die "Omerta", das Gesetz des Schweigens, und enthüllen die Wahrheit:

Ein kugelbäuchiger Mann mit Glatze und Charisma, verheiratet mit einer Neapolitanerin, ist der "capo di tutti capi", der große Pate.

Bei ihm laufen die Fäden der Ehrenwerten Gesellschaft
, Zweigstelle Steinau (6000 Einwohner und recht verschlafen), zusammen. Mit eiserner Faust regiert er über die Mitglieder seiner Familie. Und wehe denen, die nicht parieren, geschweige denn nicht reparieren.

Birger und Salvatore

Oder beispielsweise jemanden im Stich lassen, der eine kaputte Lichtmaschine zu beklagen hat. Den trifft der Bannstrahl von Birger Block (46), einem finanziell ziemlich unabhängigen Maschinenbauingenieur und tendenziell italienischen Osthessen.

Pasta a la Passione

Die Bestrafung ist der Entzug von La Passione (italienisch für "Leidenschaft"), also das Ausgesperrtsein vor einer ansonsten stets offenen Tür im Wohnhaus des Paten und seiner im Keller lagernden Schätze an Teilen alter italienischer Autos.

Der Ausschlu
ß aus einer Verbindung, die weder einen Mitgliedsbeitrag verlangt noch irgendwo offiziell registriert ist. Die weder festen Tisch noch Sitzordnung, Schild, Wimpel oder Riesenaschenbescher kennt.

Also alles andere als ein Stammtisch ist.

Eher ein Widerstandsnest gegen den politisch korrekten Zeitgeist, das leidenschaftlich gegen Windkanal, Zweckmäßig- und Zuverlässigkeit opponiert sowie die italienischen Momente im Leben kultiviert. Wer ist also diese "Santa Famiglia" in der Rhön genau?

Markus - Karsten - Peter

Ein nach allen Seiten offener Bund von Männern, die Alfa lieben, besonders alte; die nichts gegen Fiat haben, von Ferrari, Maserati und Lamborghini träumen; Lancia nicht verachten - und im Grunde ihres Herzens Italiener sind, die der Liebe Gott in der Rhön als Deutsche zur Welt kommen ließ.

Natürlich auch Birger, den Paten. Der fährt gerne: Alfa und nach Italien. Der hört gerne: Caruso und Celentano. Der ißt gerne: Pizza und Pasta. Der ist gerne: In der Nähe von Carmela, die seit 26 Jahren seine Frau ist.

 

Birger hat einen Alfa Spider, Alfa 164 QV, eine Lancia Flaminia und begnadete Bastlerhände. Davon profitieren all jene, die sich bei "La Passione" zu Hause fühlen.

So wie Peter Fanger (37),
beruflich Kunden-dienstleiter der Firma Techem (Wärmeerfassung) und emotionaler Wärmeerfasser für Alfa Spider - je älter desto heißer. Mit seinem 22-jährigen 1600, dessen Restaurierung bislang deutlich mehr als zehntausend Mark verschlang, hat er sich ohne Anmeldung, aber mit viel Erfolg bei der Mille Miglia eingeschmuggelt.

 

Wenn er davon erzählt - und wie sehr er was und warum an Italien schätzt - kann niemand mehr zuhören. Außer seinen Freunden in der Rhön. Die wissen auch, was nicht einmal Ehefrau Monika wissen darf. Dass er nämlich - obwohl als Häuslebauer derzeit finanziell auf der letzten Rille kratzend - seinen 66er Fulvia 2C keineswegs verkauft hat, sondern über eine komplizierte Transaktion noch immer sein Eigen nennt: "Für meine Frau ist das Auto längst an Birger verkauft", so Peter. "Der hat mir auch 2.500 Mark Anzahlung als Beweis aufs Konto überwiesen. In Wirklichkeit zahle ich die Kohle in kleinen Schritten an den Birger zurück, um Besitzer meines Schätzchens bleiben zu können. So sind alle glücklich: das Auto, meine Frau und ich."

 

Das könnte sich aber spätestens dann ändern, wenn seine Monika erfährt, dass ihr geliebter Herr Gemahl darüber hinaus noch einen Lancia Flaminia, Baujahr 59 und eine Giulietta, Baujahr 1961, sein Eigen nennt. Versteckt in einer seiner vier Garagen. Von denen wiederum gehört eine offiziell Freund Birger - der dies aus Rücksicht auf seine temperamentvolle Ehefrau allerdings nicht zugeben kann.

 

So verwickelt geht es zu beim Versteckspiel der großen Kinder aus der Rhön, einem Riesenspaß, dessen Faszination auch schnell der Marburger Betriebswirtschaftsstudent und Polo-Fahrer Markus Lenz (23) erlag. Irgendwie hatte er von dem seltsamen Männerbund "La Passione" gehört, sich auf den Weg gemacht - um dort den niederschmetternden Spruch zu hören: "Für einen Spider bist du nicht locker genug".

 

Also hat er sich auf den Hosenboden gesetzt und die Lektionen des Lebens gelernt: Wie man Italien liebt. Warum Alfa ganz besondere Geschöpfe sind. Weshalb Rost kein Thema ist. Und der Polo kein Auto. Dann war er - ja, was? Mitglied? Eher Familienmitglied. Jetzt fährt er einen Spider, Baujahr 1988, und sein Horizont ist weit geöffnet. "Mit diesem Auto gelingt es automatisch, einfach nette Mädels kennenzulernen und nach dem Streß in der Uni den Kopf freizubekommen."

Markus und Vadder


Letzteres muss auch dem Herrn Papa mächtig imponiert haben. Der kaufte sich nämlich nach dem Aha-Erlebnis des Filius seinen allerersten Wagen aus der Jugend kurzerhand erneut und wurde prompt in die "La Passione" - Gemeinschaft aufgenommen; obwohl es ein 1964'er Opel Kadett Typ A ist, meint der Pate Birger dazu: "Die Marke der Autos ist uns egal. Hauptsache, die Passione stimmt."

Salvatore und Norbert

So wurde auch Dr.med. Norbert Hanff-Scholtyssik (49), Volvo-Fahrer, aber Italien-Liebhaber, ohne jedes Vorurteil zum überaus geschätzten Mitglied des seltsamen Haufens. Obwohl Alfa für den Doc als Therapie nicht mehr taugt: Nach einer bitteren Medizin in Form des berüchtigten Alfasud ist er vorerst kuriert.

Elvis aber, eigentlich Kai Baro (21), ist voll infiziert. Der Bürokaufmann-Azubi in einem Steinauer Autohaus hatte schon als Kind die exotischen Autos von Birger Block durch die Straßen seines Heimatortes kurven sehen und wußte: Das ist es!

 

Also kam als Erstes ein Ferrari-Tattoo auf den rechten Oberarm und als Zweites ein elfjähriger Alfa 33 für zweitausend Mark in die elterliche Garage.

Den Spott der Steinauer gab's gratis dazu: "Was willst Du denn mit dem alten Hobel?"

Und, lieber Elvis, was willst Du damit? "Leben, fahren, genießen - versteht Ihr denn gar nichts?"

Elvis und Freundin


Doch, natürlich verstehen wir. Genau wie Carsten Kirchner (26), ein Mazda-Fahrer, der immer nur sicher von A nach B wollte, einst einen höchst interessierten Blick auf Saskia (24), die einzige Tochter von Birger und Carmela, warf. Also von einem Reisschüssel-Lenker nur zu erobern, wenn er sein Leben radikal ändert. Er fuhr zunächst Vespa, legte sich aber dann einen Spider 2000 des Jahrgangs 1980 zu. Schließlich wurde aus Carsten ein echter Romeo, der auch vor den Augen des Vaters besteht.

So wuchs die Ehrenwerte Gesellschaft in der Rhön um ein weiteres Haupt. Diese Mafia ist nicht zu besiegen. Schon gar nicht von Leuten mit sauberen Händen...